Logbucheintrag #15 / Ruhm

Mittwoch, Vormittag, 28. August – Karstadt, Berlin Wedding. Die Hitze im späten August trifft alle unvorbereitet. Vereinzelte tragen aus Trotz keine Sommerkleidung, sie schwitzen. Der Karstadt ist spärlich besucht, gefühlt 80% Rentner, 15% gefühlte Rentner und dann der Rest, die 5% Hürde.

Szene 1

Direkt hinter dem Eingang ist die Parfümabteilung. Es riecht wie ein Gebirgsmassiv, dass sich weiter und weiter auftürmt, je weiter man voran schreitet. Es riecht immer bergauf, nie bergab. Zwischen den Regalen sitzt eine ältere Dame, sie sieht mitgenommen aus, vom Leben, den Dingen die sind und denen die nicht werden wollen und zuletzt, von der Hitze. Neben ihr stehen zwei junge Verkäuferinnen, die ihre freundlichen Cremeschichten der Frau zuwenden. Sie haben der Dame einen Becher Cola gebracht – Kreislaufprobleme. Ich bin auf dem Weg ins Untergeschoss, wo der Schuster einen kleinen Stand hat. Die Dame sieht zum Eingang, wo nur noch mehr Hitze auf sie wartet. Die Dame sieht aus wie David Bowies Zwillingsschwester.

Szene 2

Von den drei Kassen in der Kleidungsabteilung ist nur eine besetzt. Die Kassiererin scannt Hemd für Hemd für Hemd für Hemd. Vor ihr stehen zwei Männer mit unscharfen schwarzweiß gepfefferten Bärten. Hemden für 320 Euro. Dahinter wartet eine kleine untersetzte Dame – Unterwäsche. Dahinter steh ich, eine Hose. Die Männer bezahlen ihre Hemden mit einem Bündel Scheine. Die Kassiererin entschuldigt sich, das wird dauern. Sie muss jeden Schein auf Echtheit prüfen. Ssssipp – Beeep. Ssssipp – Beeep. Ssssipp – Beeep. Ssssipp – Beeep. Die Schlange wird länger. Hinter mir steht ein Ehepaar. Sie, entschuldigend. Er, berechtigt und empört. Was dauert da so lange!? Der Kassiererin ist die wachsende Schlange bewusst. Sie bittet eine Kollegin eine zweite Kasse zu öffnen. Sofort grummelt der Mann hinter mir zur neu geöffneten Kasse. Die Unterwäsche vor mir, muss erst um ein Regal herumfegen. Der Berechtigte steht nun ganz vorn, aber die Unterwäsche sieht das nicht ein und stellt sich daneben. Sie baut sich vor dem Berechtigten auf und erklärt, sie habe viel länger in der Schlange gestanden. Das ist Fakt und die Kollegin bedient sie zuerst. Der Berechtigte schüttelt mit dem Kopf, empört eben. Wie kann man nur, er ist doch im Recht, von Geburt aus, anscheinend. Anders kann ich mir sein Verhalten nicht erklären. Gemütsadel. Immer im Recht. Die Männer tragen ihre Hemden nach Hause. Ich bin an der Reihe. Ware gegen Geld. Schlussverkauf. 20% Wut auf alles.