Logbucheintrag #13 / Das Jäckchen

Samstag Nachmittag, 5. Januar, in Berlin am Ku’damm. Der Adidas-Laden, aufgeräumte Auslage, viel Grau, viel Schwarz, meliert und Farbakzente die das over the top Understatement sophisticated kontern. Ansonsten, Sichtbeton – Sale, 30% auf ausgewählte Artikel. Das Geschäft ist bevölkert von Menschen mit guten Vorsätzen, die nicht gut genug sind um die Hemmschwelle des Ichs zu überwinden.

Das Licht vor und in den Umkleidekabinen ist schonungslos wie die Erkenntnis die jedem Sportkleidungsstück innewohnt, dass ein guter Vorsatz nur theoretischen Wert besitzt. Vor einer der Kabinen steht eine adrette Mittsechzigerin mit Pelzkragen und rotem Lippenstift. Sie spricht mit ihrem Mann, der sich in einer der Kabinen umzieht. Entweder ist ihr Mann, seine tiefe brubbelnde Stimme deutet zwar nicht darauf hin, gerade zwölf Jahre alt geworden oder sie behandelt ihn einfach so. Vor sich hält sie eine Trainingsjacke, die sie ihm durch einen Spalt in die Umkleide reicht.

„Probier die an.”
„Ich probier die nicht an. Nur weil die im Angebot ist, heißt nicht, dass ich sie anprobieren muss.”
„Aber du brauchst ein Jäckchen.”
„Ich brauch kein Jäckchen.”
„Doch, wenn Du ab jetzt Yoga machst, dann brauchst du für danach ein Jäckchen.”

Ich ziehe mich wieder an und verlasse den Umkleidebereich. Die Jogginghose die ich anprobiert habe passt – noch.