Logbucheintrag #12 / Vorauseilende Zweifel

Ungewünschte Nebeneffekte einer Verbraucherumfrage, deren Ergebnisse mich kein Stück interessieren, jedoch beunruhigen.
Es kommt nicht mehr oft vor, dass mein Telefon klingelt und eine Nummer auf dem Display steht, die ich nicht kenne. Jeder dieser Anrufe ist mit einer Mischung an Gefühlen verbunden, die eher poli- als ambivalent zu bezeichnen sind.
Da gibt es das Gefühl, nennen wir es aus mangelnder Erfahrung positiv, das zwischen den anderen Eingeklemmt sich nach Aufmerksamkeit sehnt und je nach Beschäftigungsverhältnis variieren kann. In meinem Fall, der Selbständigkeit, lässt es sich kurz so formulieren: Ein Auftrag?
Wäre dieses Gefühl der Belag auf einer Stulle, dann wären die Stullen überproportional dick geschnitten. Nahezu kannten. Um nicht weiter abzuschweifen lässt sich das Spannungsfeld verkürzt so beschreiben: Was hab ich falsch gemacht? – Fuck! – Was ist passiert?
Dieses Spannungsfeld osziliert um die Befürchtung herum, das Recht zur Existenz abgesprochen zu bekommen. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Das ist jedoch eher Teil eines Therapie-Gesprächs, als Teil eines kurzen Textes.
Interessant ist, dass nach Abnahme des Telefons sehr selten der erste Fall eintritt (positiv) und – bis jetzt – nie der Zweite. In diesem Fall war es der Stimme nach eine junge Frau aus München, die im Auftrag eines Marktforschungsinstituts mir Fragen zu meinem Versicherungsstatus zu stellen und welche Versicherungen mein Leben denn in Sicherheit hüllen. Ein Anruf auf den ich keine Lust hatte, weshalb ich darauf hinwies, keine Zeit zu haben, da bei der Arbeit etc. Woraufhin ich mir Enttäuschung in ihrer Stimme einbildete, weshalb ich mich doch bereit erklärte an der Umfrage teilzunehmen. Als sie mir versprach, dass die Umfrage, je nach Versicherungslage, nur bis zu acht Minuten dauern sollte.
Die Umfrage dauerte 30 Sekunden. Wie kam es? Nun ja, die Umfragerin begann eine Liste unterschiedlicher Versicherungsformen vorzulesen. Ich sollte mit ja oder nein antworten, damit sie einen Überblick über das Risiko bekommen konnte, dem ich mein Leben aussetze. Nachdem meine Antworten bei den ersten Versicherungen zwischen nein und nö und hab ich nicht pendelten, schlug ich vor zu sagen, welche Versicherungen ich habe. Ihre Reaktion war insofern überraschend, da ich in ihrer Stimme, die sich bei mir verabschiedete, weil die Umfrage doch schon abgeschlossen sei, eine gewisse mütterliche Sorge wahrzunehmen glaubte.
Jetzt sitze ich nun hier und frage mich, ob dieser Anruf auf einer abstrakten Art vielleicht der erste war, der der Angst, das Recht zur Existenz abgesprochen zu bekommen, am nächsten kommt. Nichts desto trotz muss ich Angesicht des Abgrunds der sich da auftut schmunzeln. Soviel Angst und sowenig Versicherung, irgendwie witzig – auf eine eigenartige Pierre Richard Weise.