Bequemlichkeit

Ein Nachtspaziergang durch Berlin. Von Friedrichshain, durch Prenzlauer Berg, am Gesundbrunnen vorbei Richtung Mitte nach Wedding.

An den Rändern der Viertel, den Übergängen sind die Straßen verweist und die geschlossenen Geschäfte unterscheiden sich kaum vom Leerstand. Die Straßenlaternen, die Ampeln, die brennenden Lichter in den Wohnungen rastern die Leere. Die Lichter in den Wohnungen stehen für sich, jedes eine Galaxie mehr oder weniger weit vom nächsten entfernt. An den Ecken und Kanten der Verkehrsadern wird gekocht, gegrillt und ausgeschenkt. Grünflächen und Parks werden in der Dunkelheit zu schwarzen Löchern, die nicht anziehen, eher abstoßen, denn die ordnende Schutzschicht, die eine Stadt verspricht scheint dort am dünnsten.

Wie ein Schwachkopf brabble ich vor mich hin, der Kopfhörer und das Mikrofon in meinem Ohr ist unter meiner Mütze unsichtbar. Mein Telefon steckt in meiner Hosentasche. Ich telefoniere, ich kann nicht allein sein in diesem Moment. Die Stadt ist trotz ihrer Leere zu viel für mich. Also flüchte ich in ein Gespräch, in meine eigene kleine Ich-Zelle, die mich vor den ganzen Eindrücken beschützt, obwohl die Dunkelheit bereits einen Großteil der Arbeit vollbracht hat und die Stadt ganz gut versteckt.

Vor ein paar Jahren hätte ich in so einer Situation wenigsten noch das sozialberechtigte Feedback der entgegenkommenden Passanten erhalten, was der Situation angemessen ist. Und zwar ein kritischer Blick, ein Stirnrunzel und eine Frage auf dem Gesicht: Ist der Irre? Oder mit wem redet der da? Heute interessiert es kein Schwein. Selbstgespräch, Telefonat? Wen interessiert es? Woran das wohl liegen mag. Ich erinnere mich auch daran, dass ich felsenfest davon überzeugt war, nie einer von diesen Headset-Idioten zu werden. So ist das mit den Überzeugungen.

An der nächsten Straßenecke begegne ich einem jungen Mann. Er trägt Jogging-Klamotten und er telefoniert ebenfalls. Präzise: Er Video-Telefoniert. Dazu hält er sein Telefon einen halben Meter vor sein Gesicht. Und weil das ermüdend wäre, nutzt er dafür einen Selfie-Stick. Sofort habe ich zwei Fragen. Die erste, ist es überhaupt hell genug, damit sein*e Gesprächspartner*in ihn sehen kann. Und zweitens, ist es mir trotz meines Headsets gestattet die Stirn zu runzeln, kritisch zu gucken und mir die Frage zu stellen: Ist der Irre?

Ein paar Minuten später, die Aura des Selfie-S(t)ick-Video-Telefonie-Joggers schwebt noch in meinen Gedanken, frage ich mich, ob die Gefahr besteht, dass ich selbst in ein paar Jahren so herum renne. Gut, gerade ist es meine Überzeugung, dass das ganze mit dem Selfie-Stick gar nicht geht. Aber naja, es ist doch immer wieder das gleich, mit solchen Überzeugungen. Gerade wenn es bequem wird…