Rechtshygiene

Die 24/7 Nachrichtenmaschine treibt eine Welle der Empörung vor sich her, unter der jegliche Vernunft begraben wird. Das Verhältnis vom Kern einer Nachricht, der rohen Information, zur politischen Einordnung verwischt mehr und mehr.

Kann Information politisch sein? Ich will nicht in einen Diskurs über den Wahrheitsbegriff abdriften, aber als Gesellschaft müssen wir uns doch weitgehend auf etwas wie Realität einigen können? Auch wenn es diese Realität in Wahrheit nicht gibt1. Aber die Frage nach der Natur einer Information ist nicht unerheblich. Gerade wenn Informationen instrumentalisiert werden. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Menschen im Grunde zu dumm sind, um Objektiv zu sein. Wir können nicht objektiv sein, da wir nie über alle Informationen verfügen. Noch sind wir in der Lage auszuschließen, dass unsere Entscheidungen von tief in uns verschütteten psychologischen Verwirrungen beeinflusst werden.

Diese Aufgabe ist nicht zu schaffen, also fangen wir mal an

Wenn wir wollen, dass Nachrichten und die in ihnen transportieren Tatsachen und Informationen „sauber” bleiben von Meinungsverschmutzung, dann können wir das nur erreichen, wenn im ersten Schritt zwei Voraussetzungen erfüllt werden.

  1. Der Absender der Nachricht muss eine Vertrauensprüfung überstehen, bzw. er muss durch Offenlegung der Machtverhältnisse transparent als „sauberer” Sender identifizierbar sein
  2. Der Empfänger hat die Pflicht, notwendige Sender-Prozesse anzuerkennen und muss gewillt sein, diese verstehen zu wollen und zu akzeptieren. Er muss ein emanzipierter Empfänger sein

Aber wollen wir das wirklich? Wollen wir „saubere” Nachrichten? Das Phänomen des „Confirmation Bias” (Bestätigungstendenz) beschreibt die Neigung von Individuen, Nachrichten bzw. Informationen glauben zu schenken, die die eigene Meinung bestätigen. Das macht die Schaffung von Filterblasen so verführerisch. Und wieder zeigt sich, wir sind das Problem. Wie wir denken, wie wir entscheiden.

Macht is a bitch/prick

Das Verhältnis zwischen Information und Rezeption ist Gold wert, weshalb alles politische, der Versuchung unterliegt hier anzusetzen. Sogenannte Spin Doctor, deren Aufgabe es ist für PR-Firmen und ihre Klienten, die gerne auch Staaten sind, eine Information so zu spinnen, dass sie Klienten-genehm rezipiert werden kann, zeigen z.B. wie skrupellos agiert wird.

„Niemand hat die Absicht, eine Lüge zu erzählen.” (sehr frei nach Walter Ulbricht)

Trotzdem kann man erwarten, dass die Grenze zwischen Sachverhalt und anschließender Debatte eingehalten wird. Klingt vielleicht dröge, aber diese Reihenfolge ist wichtig. Natürlich kann man sich über manche Sachverhalte streiten, über manche aber nicht, wie etwa die Anzahl der Zuschauer bei einer Vereidigung oder etwas banaler, den Klimawandel. Die Grenze zwischen Sachverhalt und Debatte ist manchmal fließend und der Übertritt nicht immer bewusst. Auch weil, siehe oben, Menschen dumm sind. Manche sogar absichtlich. Aber darf das eine Ausrede sein? Wenn nämlich die Debatte, den Sachverhalt nicht respektiert, dann können wir den Laden auch einfach dicht machen. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung kann nur funktionieren, wenn wir uns an die Sachverhalt-Debatte-Relation halten.

Es ist dann doch eine private Entscheidung, die im Ergebnis das politische prägen kann: in wie weit setze ich mich als Person/Bürger der Information aus und Stelle mich mit meiner Haltung einer mehr oder weniger objektiven Realität? Und, lasse ich durch Offenheit überhaupt das Bilden eines solchen Realitätsabbildes zu?

Die Entscheidung ist von unterschiedlichen Faktoren abhängig. Wie z.B. dem Charakter. Wo sehe ich das Zentrum der Erkenntnis? Getreu der, aktuell recht populären, narzisstischen Schule, in mir selbst? Oder, auch gerade wieder recht hip, gebe ich diese Verantwortung an eine*n Führer*in ab? Ein*e Führer*in kann ein Mensch sein oder ein Trend oder ein Buch. Oder setze ich mich der Unsicherheit aus, dass dieses Zentrum der Erkenntnis im Grunde nicht existiert und indifferent durch die Gesellschaft wabert?

Das Menschige als Hindernis

Das Zeitalter der Aufklärung (der englische Begriff the Age of Enlightenment trifft es noch schöner) hat etwas fundamentales erkannt. Menschen sind vernunftbegabt, aber eben auch, dass Vernunft ein Verfahren ist.

Jaja, ich hab mich auch schon ab und an verfahren. Haha. Guter Witz. Und jetzt? Fühlen wir uns wieder prächtig allmächtig. (Sorry. Stammtisch-Antizipations-Reflex)

Das Aufkommen der Wissenschaft ist auch ein Aufkommen bestimmter Verfahrensweisen, die versuchen den Faktor Mensch, mit seinem wirren Nonsens, wie Glaube etc. einzudämmen.

Darum ist Rechtshygiene so wichtig, weil das Verfahren keine Menschlichkeit, im Sinne einer populistischen Affektanbetung, kennt. Das Verfahren ist, in Deutschland, auf Basis der Verfassung inhärent menschlich und beschützt uns vor uns selbst. Wenn es etwas schwaches in diesem System gibt, dann sind wir es, die wir aufschreien, die wir ausblenden, die wir auf Vergeltung pochen oder Unschuldige für unsere Zwecke missbrauchen. Selbst den Zweifel kennt das Verfahren, das System überprüft sich selbst, man nennt es Verfassungsgericht. (Den Verfassungsschutz lasse ich hier mal außen vor. Anderes Thema. Schwieriges Thema.)

Wo wir wieder zurück sind, beim 24/7 Empörungsporno (Schnell gemacht wird nur Dünnpfiff). Wir müssen uns grundsätzlich entscheiden, ob wir uns damit begnügen dumpf auf Meinungswellen zu surfen wie Affen2 oder ob wir uns an den Strand zurückziehen, der Brandung zusehen und uns verhalten wie Erwachsene.


  1. Wie wirklich ist die Wirklichkeit und findet sie überhaupt statt? Paul Watzlawick und Jean Baudrilliard hatten darauf ein paar interessante Antworten. 
  2. Ich will hier keine Affen beleidigen, Affen sind großartig, sie eignen sich hier einfach gut als Metapher, da sie ja, irgendwie, zum Aktionismus neigen.