Ein scheiß Gespräch mit einer 14-jährigen

Auch wenn es bereits einige Jahre her ist, kann ich mich noch gut an die turbulenten Jahre erinnern, als die ersten Hormon-Tsunamis durch meinen Knabenkörper bügelten. An die Verwirrungen, die Bedürfnisse die sich überschlugen und zugleich das Gefühl zu haben, eingesperrt zu sein. Nichts war verfügbar. Die Welt auf MTV, die Mädchen die ich gut fand, die Musik die mir aus der Seele sprach. Alles war nah und gleichzeitig unerreichbar – was vielleicht auch an dem Ort lag, wo ich aufgewachsen bin.

Mittlerweile hat sich der Zugang zu Information dermaßen geändert, dass Gleichzeitigkeit und Homogenität in einem anderen Maße eine Rolle spielt als noch vor zwanzig, dreißig Jahren. Die Trends die damals ins Dorf drangen, waren oft anderorts schon wieder out – seit 10 Jahren. Jetzt findet alles gleichzeitig statt und auch wieder nicht. Denn ein Dorf bleibt ein Dorf und Primark gibt’s am Alex in Berlin und nicht in der Hauptstraße neben dem Bäcker, dessen Öfen vor siebzehn Jahren für immer erloschen sind.

Was sich für Teenager nicht geändert hat, ist die Suche nach sich selbst. Was sich geändert hat, ist die Lautstärke und die Menge der Umstehenden, die auf die_den Suchende*n einbrüllen, mit Behauptungen und falschen Hilfen. Das Gekreische nach Aufmerksamkeit ist omnipräsent. Hier kaufen, das wollen, dort ein Versprechen, aufgeblasene Pseudobotschaften… Marken, Influencer (aka. Grippaler Kulturinfekt) oder andere industrielle Phrasen-Maschinen. Ist das Kulturpessimismus? Vielleicht. Ist das Stress? Auf jeden Fall. Ist das eine neue Erkenntnis? Eher nicht.

Was sich auf jeden Fall geändert hat, ist der Zustand unserer Umwelt. Und es ist mir tatsächlich ein Rätsel, wie ältere Generationen gegenüber den Kindern und Jugendlichen von Heute etwas anderes als Scham empfinden können. Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit einer 14-Jährigen und im Grunde ging es darum:

„Sorry, dass du nicht unbeschwert tun kannst, was Du willst oder glaubst zu wollen, denn, wir haben alles schon kaputt gemacht und es ist egal welche scheinbar triviale Entscheidung du triffst, am Ende ist es Plastik, Ausbeutung, Müll, Verschmutzung etc. pp.”
(Und traurig klingt der Schluss Akkord in Moll)

Und das ist nicht die Schuld der Teenager*innen. Teenager haben genug Scheiße an den Hacken, sich auch damit beschäftigen zu müssen ist traurig. Aber sie müssen es, denn sie entwickeln Verhaltensmuster, die sie ihr Leben lang beibehalten werden und diese Muster werden die Welt um sie herum formen, wie unsere Verhaltensmuster die Welt bereits geformt haben. Wir sind das Problem, dass sie lösen müssen.

Ganze Arbeit, dafür haben wir alle einen Bonus verdient.

Die Generationen in den Entscheidungspositionen brauchen willfährige Erwerbstätige, so Jung und linientreu wie möglich. Turboabi, verschulte Universitäten, alles privatisiert, monetisiert und mit holen Phrasen gold angemalt. Alles wird zu Geld und nichts hat mehr einen Wert, der sich außerhalb einer Liste wiederfindet, die täglich im Controlling auf Gewinnmaximierung hin aktualisiert werden kann. Das ist der wahre Generationenvertrag und er ist sittenwidrig, denn er ist einseitig beschlossen.

Natürlich ist das eine pessimistische Betrachtungsweise. Trotzdem haben die Generationen, deren Repräsentanten noch keine relevanten Entscheider*innen sind, eine Entschuldigung verdient.
Wer sich nun nicht sicher ist, wo er sich selbst auf der Schamskala befindet, hier ein Vorschlag:

< 20 Jahre: Unschuldig
20-30 Jahre: Auf Pump unschuldig
30-45 Jahre: Nicht mehr Unschuldig (Ein Leben im Dispo.)
> 45 Jahre: … kurz innehalten und nachdenken.