Der Wind stinkt

Chemnitz, Chemnitz, Chemnitz. Wir sind mehr, die sind mehr, wer ist das Volk und wer will es eigentlich sein. Die letzten Tage waren voll von Nachrichten, Meinungen, Behauptungen und Meinungen die Nachrichten sein wollten und in Wirklichkeit Behauptungen waren. Im großen und ganzen eine ziemliche Shitshow an Anmaßung, Geschmacklosigkeit und plumper Vielleicht-ist-ja-was-für-mich-drin-wenn-ein-Mensch-stirbt-Rhetorik. Ausnahmen ausgenommen.

Es fällt mir schwer, ruhig zu bleiben und nicht nur wütend auf die Tastatur einzuhämmern. Einen Text zu schreiben, der nur annähernd umschreibt, wie groß mein Abscheu gegen AFD und Konsorten ist… So große Kapitälchen gibt weder meine Tastatur noch der Bildschirm her. Es ist auch müßig darauf hinzuweisen, dass die Rechte und ihre Steigbügelhalter*innen, Feinde unserer Demokratie sind. Gerade die Steigbügelhalter*innen, ja, du bist gemeint werte*r Protestwähler*in. Wie man sich bettet so liegt man und neben dir liegen ein Herr Gauland, ein Herr Höcke, eine Frau von Storch, eine Frau Weidel und und und. Gute Nacht. Träum süß. Idiot. Wenn du nicht rechtzeitig aufwachst, dann wird es ein Albtraum, den ich dir zwar gönne aber trotzdem helfen möchte zu verhindern, da es auch mein Albtraum sein wird. Unser aller Albtraum. Und es ist ein Privileg, den Albtraum noch vor sich zu sehen, denn all die Entrechteten, die Vertriebenen, die Marginalisierten sehen sich längst mit diesem Albtraum konfrontiert. Wir sind längst an dem Punkt angelangt, an dem wir uns der Frage stellen müssen, was werden wir antworten, wenn die Generationen nach uns fragen: „Wo warst du?”

Und kommt mir nicht mit den Sorgen die man ernst nehmen muss. In einem Sorgen-Battle zieht jeder Deutsche den Kürzeren. Und wer zum Teufel ist auf die Idee gekommen, es sei die Aufgabe der Gesellschaft, dir zu helfen deinen Hintern abzuwischen.

(Wut. Zusammenhängende Sätze. Kürzere Gedankensprünge. An die Leser denken. Durchatmen. Okay. Sorry.)

Aber da sind wir auch bei dem eigentlichen Thema, über das ich schreiben möchte:

Die Verantwortung der Institution, Vertrauen zu rechtfertigen.

Wie ich es sehe, ist ein Staat nicht mehr, als der Versuch das Zusammenleben einer Anzahl X Menschen innerhalb eines definierten Bereichs zu organisieren. Das kann man, Überraschung, sehr unterschiedlich angehen. Nämlich mit oder ohne Anstand. Egal wie man es angeht, es ist ein äußerst komplexes Unterfangen. Tatsache. Keine Meinung. Jede*r die_der eine Tatsache nicht von einer Meinung unterscheiden kann, oder will, pardon my french, ist ein Idiot. Jede*r, die_der sich persönlich beleidigt fühlt, weil sie_er etwas nicht versteht, nur weil es kompliziert ist, ist, schon wieder, sorry, ein Idiot.

Jede*r, die_der schon mal versucht hat, ihre_seine Familie bei einem Streitgespräch auf einen Nenner zu bringen und sich noch immer darüber aufregt, weil sie_er sich nicht in einer Partei oder in einer Regierung zu 100% wiederfindet, ist meiner Meinung nach…

Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland ist ein außergewöhnliches Dokument. Es ist, wahrscheinlich, nicht perfekt. Nichts ist perfekt. Aber es ist der Versuch, die Organisation des Zusammenlebens, mit Anstand zu versuchen. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Bei der Würde „des Deutschen” bin ich mir nicht so sicher. Die hat schon die ein oder andere selbst hinzugefügte Wunde erlitten. Wer nicht weiß, was ich damit meine, sucht einfach auf Wikipedia nach „Konzentrationslager”.

Es ist unerlässlich, dass die_der Bürger*in Vertrauen in die Institutionen des Staates hat. Jede*r, die_der sich im Staatsdienst befindet, hat die Verfassung in ihrem_seinem Rahmen zu schützen. Und jede*r, die_der sich im Staatsdienst befindet, hat das Vertrauen in die Institution der sie_er dient, mit ihrer_seiner Arbeit zu begründen. Wer darin scheitert, gehört aus dem Dienst entlassen. Gerade wenn er beim Verfassungsschutz arbeiten sollte. Als Bürger*in hat man das Recht, gerade an die Exekutive und die Judikative, die Höchsten Ansprüche zu stellen. Die Legislative hat darüber hinaus die Pflicht zu vermitteln, was geschieht. Transparent. Differenziert.

Was also, passiert mit diesem Vertrauen, wenn in Sachsen etwa, in Chemnitz zum Beispiel, bei einer Demo ein Demonstrant den Hitler-Gruß zeigt, daneben ein Polizist steht und nicht einschreitet? Was passiert mit diesem Vertrauen, wenn eine Regierungspartei, vom Machterhalt getrieben, im verfassungsfeindlichen Gewässer fischt und sich dabei auch noch christlich schimpft? Populismus ist nichts anderes, als die Fahne im Wind. Wenn der Wind dabei über die „glorreiche” deutsche Geschichte streift, dann stinkt er nun einmal. Das liegt womöglich am größten, epochalsten und monströsesten Vogelschiss in der Geschichte der Menschheit.

Das Ganze entbindet die_den Bürger*in aber nicht von seiner Pflicht, sich wie ein Erwachsener zu verhalten und, ich weiß es tut weh, das Organ, das in der Murmel schlummert, zweckdienlich einzusetzen. Sehr geehrte*r Wutbürger*in, die Welt ist kompliziert, komm damit klar. Und verdammt nochmal, erspar uns deine Befindlichkeiten, es geht nicht um dich oder mich oder irgendeine Einzelperson. Es geht um alle, gleichzeitig. Zu kompliziert? (siehe oben)

Natürlich hat die_der Bürger*in ein Recht auf Zweifel und sie_er hat das Recht auf Kritik. (Und die Kunst erst, alter Falter, die hat erstmal ein Recht darauf.) Wenn eine Band wie Feine Sahne Fischfilet – deren aktueller Beitrag zu einer inklusiven Gesellschaft wahrscheinlich höher ist als der von Herrn… Söder? – wenn also diese Band, die in einem Umfeld sozialisiert wurde, das womöglich den Anschein erweckte, das bestimmte Institutionen, wie etwa Polizei und Verfassungsschutz auf dem rechten Auge blind sind, ihre Kritik, ihre Zweifel und ihre Wut äußert und allein dadurch, von Politiker*innen gleichgesetzt wird, mit Menschen die den Hitler-Gruß zeigend durch Städte ziehen, andere angreifen, niederschlagen und töten, dann, aber Hallo, ist diese*r Politiker*in willfährige*r Helfer*in im Abbau des Vertrauens, dass sie eigentlich zu wahren und zu begründen hat. Es ist widerlich. Ernsthaft.