Ruhe im Gericht

Ehrfürchtig wanderte sein Blick entlang des Bücherregals von links nach rechts. Das Regal verdeckte die eine Seite des Zimmers vollständig, vom Boden bis unter die Decke gefüllt mit Büchern, Ordnern. Da standen Lexika, juristische Nachschlagewerke etc. Auf seinem Schreibtisch lag das deutsche Strafgesetzbuch. Er schlug den ersten Paragraphen auf:

Keine Strafe ohne Gesetz.
Eine Tat kann nur bestraft werden, wenn die Strafbarkeit gesetzlich bestimmt war, bevor die Tat begangen wurde.

Nachdenklich strich er über das raue Papier. Kaum Reibung. Seine Hände waren zu trocken, waren rissig. Trotz der grellen Scheinwerfer und der fast unerträglichen Hitze, unter seiner schwarzen Richterrobe sammelte sich sein Schweiß. Er blätterte weiter bis Paragraph 70:

Anordnung des Berufverbots.
Absatz eins.
Wird jemand wegen einer rechtswidrigen Tat, die er unter Missbrauch seines Berufs oder Gewerbes oder unter grober Verletzung der mit ihnen verbundenen Pflichten begangen hat, verurteilt oder nur deshalb nicht verurteilt, weil seine Schuldunfähigkeit erwiesen oder nicht auszuschließen ist, so kann ihm das Gericht die Ausübung des Berufs, Berufszweiges, Gewerbes oder Gewerbezweiges für die Dauer von einem Jahr bis zu fünf Jahren verbieten, wenn die Gesamtwürdigung des Täters und der Tat die Gefahr erkennen lässt, dass er bei weiterer Ausübung des Berufs, Berufszweiges, Gewerbes oder Gewerbezweiges erhebliche rechtswidrige Taten der bezeichneten Art begehen wird.

Er versuchte sich, auf die einzelnen Aspekte des Paragraphen zu konzentrieren, aber sein Blick tanzte zwischen den Zeilen hin und her, hin und her. Die Satzteile, Worte, Begriffe verschwammen und ihm dämmerte, dass er davon nichts mehr verstand. Er blätterte weiter, überflog ein paar Absätze ohne sie zu lesen, oder sich an etwas zu erinnern. Langsam wurden seine Gedanken spärlicher, karger, bis er nichts mehr dachte, nur noch auf die Buchstaben starrte und stur weiter blätterte. Er sah wieder zum Regal auf. Vielleicht hätte er ja Lust etwas nachzuschlagen, wenn die Buchrücken nicht nur aus Pappe wären, oder nur unbedrucktes Papier. Die drei Wände der Kulisse waren senffarben gestrichen. Er lehnte sich zurück und sah aus dem Fenster. Die unscharfe Fototapete dahinter bewegte sich sanft hin und her, hin und her. Jemand musste eine Tür offen gelassen haben. Als er das Räuspern hinter sich bemerkte zuckte er zusammen. Er hatte gehofft, dass ihn in der Richterzimmerkulisse niemand finden würde. Es war die Maskenbildnerin. Er nickte, lehnte sich zurück und schloss die Augen, während sie sein Gesicht bearbeitete. Er dachte darüber nach sie zu fragen, ob sie eine Handcreme für ihn hatte, oder ob sie vielleicht Lust hätte, nach der Aufzeichnung mit ihm zu ficken. Als sie mit der Prozedur fertig war, packte sie ihre Sachen und verschwand hinter einer Pappwand. Er hätte sie fragen sollen, seine Hände waren wirklich trocken. Stöhnend schälte er sich aus dem Bürostuhl und ging in den Gerichtssaal. Er nahm auf seinem Richterstuhl platz und versuchte wieder an nichts zu denken. Ohne Gesetzesvorlage fiel ihm das schwer. Der Regisseur redete derweil auf zwei Laien ein, die später in der ersten Aufzeichnung ein intrigantes Pärchen spielen sollten. Warum der Regisseur das tat war ihm schleierhaft. Die beiden würden eh, wie jeder andere Laie den er kannte oder jemals gesehen hatte, Schauspiel mit Lautstärke verwechseln und sich unentwegt anbrüllen. Zu schade, dass er nicht die Todesstrafe für akustische Vergewaltigung verhängen durfte. Er durfte nichts, außer zum Ende jeder Aufzeichnung einen Aphorismus oder sonst eine blöde Metapher zum Besten geben, die der ambitionierte Praktikant, jeden Vorabend zu hause aus dem Internet abgeschrieben hatte. Der glaubte er würde die Qualität der Sendung steigern oder vielleicht einen Preis bekommen. Zumindest hatte er den Mut die Maskenbildnerin zu fragen ob sie mit ihm ficken würde. Während er darüber sinnierte ob es die Maskenbildnerin wohl mit dem Praktikanten getrieben hatte, machte sich das Team für die Aufnahme bereit.

Das Studio war voller Statisten und Laien. Sie hatten bereits sieben Fälle gedreht. Der Regisseur stand mit rotem Kopf beim Kameramann und redete auf ihn ein. Alle redeten durcheinander. Er wollte nicht mehr reden. Er versuchte sich den Dialog zwischen den beiden vorzustellen. Ihm wollte aber nichts einfallen. Was sollte man hier reden? Er nahm sich eine Flasche Wasser aus dem Kasten neben der Verpflegung und leerte sie in einem Zug. Er hatte das Gefühl zu vertrocknen. Die Hitze der Scheinwerfer peitschte jeden Tropfen Flüssigkeit den er zu sich nahm durch seine Poren wieder nach draußen. Wo war die Maskenbildnerin? Sein Schweiß sammelte sich langsam in seiner Arschfalte und seine Unterhose fühlte sich an, als hätte er sich eingepisst. Wie konnte er nur so schwitzen? Er sah die Maskenbildnerin wie sie den Angeklagten den Glanz von der Schweinenase tupfte und stellte sich vor, wie sie ihm den Schweiß aus der Ritze tupfen würde. Er versuchte den Gedanken abzuschütteln, als sie auf ihn zukam und sich lächelnd über seine nasse Stirn beugte. Sein Blick konnte sich fast bis zu ihrem Nabel durchkämpfen. Jetzt hatte er wirklich Lust sich einen abzuschütteln. In dem Moment klatschte der Regisseur in die Hände und forderte das Team auf sich wieder auf seinen Platz zu bewegen. Der Regisseur versprach, nur noch drei Fälle abdrehen zu wollen. Er setzte sich wieder auf seinen Richterstuhl. Vor ihm lag wieder das Strafgesetzbuch. Er schlug Paragraph 216 auf:

Tötung auf Verlangen.
Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen. Der Versuch ist strafbar.

Ermutigt schlug er das Buch zu. Es konnte weitergehen. Die Aussicht auf ein Feierabendbierchen und ein Blaskonzert von einer der hübscheren Laien, ließen die Zeit dahinfließen wie den Schweiß an den Innenseiten seiner haarigen Schenkel.

Zehn Fälle an einem Tag waren nicht schlecht. Nur noch zwei, dann hatten sie es geschafft. Er sah auf die Karteikarten mit den abschließenden Worten, die ihm der Praktikant vor dem Dreh in die Hand gedrückt hatte. Acht davon waren schon gebraucht und es waren nur noch zwei übrig. Er versuchte sich die Zeilen zu merken, konnte es aber nicht. Er war müde. Als der erste Satz dran war, schielte er mit einem Auge auf die Karte und las mechanisch ab. Was soll’s dachte er sich. Hierfür reicht es. In einer Sackgasse brauchte man kein Navigationsgerät das einem sagte man solle wenden.

Am Ende des letzten Falls schob er die letzte Karte beiseite, sah in die Kamera, auf den Angeklagten und fügte hinzu:
“Das Leben verurteilt uns alle zum Tod, nur ich darf das nicht.”
“Das… darf er nicht.” stotterte der Praktikant und die Maskenbildnerin die daneben stand rollte mit den Augen.
“Danke, und Schluss für heute,” sagte der Regisseur.