Heiligtum

Die drei Bänke standen in einem Halbkreis um den geschotterten Platz am Rande des kleinen Parks, der das Viertel von der stark befahrenen Bundesstraße abgrenzte.
Das allein reichte.
Wütend setzte er sich auf die linke der drei Bänke, vom Kreis aus gesehen.
Vom Halbkreis aus gesehen, korrigierte er still in seinen Gedanken.
Ein Halbkreis war nichts. Er stellte die Tüte die er mitgebracht hatte neben sich in den Staub, wobei er sie an den vorderen Fuß der Bank lehnte, damit sie nicht umfallen konnte und der Apfel etwa, den er in der Tüte hatte, heraus rollen konnte.
Ein Halbkreis war nichts.
Er sah sich um, die Bänke waren bis auf seine unbesetzt. Nur auf seiner saß jemand. Der Jemand war er. Ein Kreis, dachte er sich. Ein Gedankenkreis. Der Jemand war er.

Die Bänke waren zur Sonne ausgerichtet. Die linke Bank, vom HALBKREIS aus gesehen, war die Bank der Morgensonne. Die Bank in der Mitte, die der Morgensonne und die ganz rechts – vom HALB!!!KREIS aus gesehen – war die der Abendsonne. Wenn man den Tag über mit wandern würde, dachte er sich, würde einem die Sonne den ganzen Tag ins Gesicht scheinen. Das hatten sie sich sicher so gedacht, die Herren Planer. Aber was wenn er nun die Sonne im Nacken spüren wollte. Ein durchaus nachvollziehbarer, sogar therapeutischer Wunsch. Er schüttelte still in seinen Kopf hinein. Ein Halbkreis war nichts.

An den geschotterten Platz mit den Bänken schloss eine Hundewiese an, die mit einem kniehohen grünen Metallzaun umschlossen war. Es war noch früh. Er sah auf die Uhr. Die ersten Hundebesitzer würden sicher bald kommen. Es waren immer die gleichen. Sie standen dann immer in kleinen Grüppchen am Rand der Wiese, wo ein Mülleimer mit Aschenbecher aufgestellt war, rauchten, plauderten und sahen teilnahmslos ihren Hunden zu, wie sie rannten, hechelten und sich gegenseitig am Arsch rochen, als wäre dort die Tageszeitung angebracht. Er hatte einmal gelesen wie ausgeprägt der Hunderiechsinn war, weshalb er sich keine Illusionen machte. Die Hunde wussten, dass er hier saß, mit seiner Tüte und den Ködern. Er schloss die Augen und stellte sie einen Kreis vor. Einen wie in Stone Henge. Das war ein Kreis. Er spürte wie es kälter wurde. Eine Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben. Ein Pritschenwagen, der am Rand des Parks angehalten hatte, legte seine Aufmerksamkeit an die Leine. Er sah zu, wie zwei Stadtangestellte aus dem Wagen ausstiegen. Sie trugen beide Overalls.
Es kribbelte ihm in der Nase.
Er griff in die Tüte, vorbei an den Ködern, hin zum Apfel, den er herauszog um gierig hineinzubeißen. Der Saft tropfte ihm aus dem Mundwinkel und verlor sich in seinem Bart. Was die Arbeiter wohl vorhatten? Sie kamen direkt auf ihn zu, ohne Werkzeug, das ihm zumindest einen Hinweis gab, was sie planten. Oder, darüber machte er sich keine Illusionen, was für sie geplant wurde.
Sie waren doch nur Marionetten, dachte er sich und biss ein weiteres Mal in den Apfel. Der bittere Geschmack eines Apfelkerns, auf den er gebissen hatte, erinnerte ihn an seine guten Vorsätze. Er atmete. Er sog Luft durch seine haarigen Nasenlöcher und entschuldigte sich, bei den Arbeitern mit einem kollegialen Nicken. Sie grüßten ihn und begannen den Halbkreis auszumessen. Er wurde neugierig, bis an die Schmerzgrenze. Er biss ein letztes Mal vom Apfel ab und ließ das Kerngehäuse sanft über die Schulter gleiten, so dass es mit einem schüchternen Rascheln in seinem Rücken liegen blieb. Zwischen den Büschen, im Dreck. Er verlagerte das Gewicht seines Oberkörpers nach vorne und stützte sich mit dem linken Ellenbogen auf seinem Knie ab. Die Köder in der Tüte neben ihm beruhigten ihn.
Halfen ihm sich zu konzentrieren.
Die Handlungen der Arbeiter ergaben keinen Sinn.
Er konnte sich keinen Reim daraus machen.
Er verlagerte sein Gewicht.
Nach rechts.
Auf den rechten Ellenbogen.
Während er mit der linken Hand das linke Knie rieb, wo er sich aufgestützt hatte. Am Abend würde er dort einen blauen bekommen.
Genau wie über dem rechten Knie.
Zwei blaue Flecken.
Kreisrund
Ihm war aufgefallen, dass er in letzter Zeit ständig blaue Flecken bekam. Überall wo ihn die Welt berührte, oder er sich selbst. Alles hinterließ eine Marke, einen Beweis, dass er nichts mehr wegstecken konnte, dass ihm die Welt langsam unter die Haut kroch. Er wollte nicht mit den Arbeitern sprechen. Er wollte sie auch nicht anstarren. Aber ihr Geheimnis wurde mit jeder Sekunde unerträglicher für ihn. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren. Die Bewegungen der Arbeiter verschwammen vor seinen Augen. Sie ergaben keinen Sinn. Es war ein Tanz, ein verrückter unrhythmischer Tanz. Er sah hin, sah aber nichts mehr. Sein Sehnerv war abgetaucht und rührte nur mehr in Ahnungen, Theorien und Zusammenhanglosen Fetzen einst elaboriert gewobenen Befürchtungen.
„Alles klar, Mann?”
Er sah auf. Vor ihm stand der ältere der Arbeiter und sah besorgt auf ihn herab. Mit seinem Schädel verdeckte er die Sonne und warf einen Schatten auf sein Gesicht. Er wusste darauf nichts zu sagen.
„Alles in Ordnung mit Ihnen?”
Er wurde wütend, was erlaubte sich der Mann. Er saß jeden Tag auf dieser Bank in diesem – Halbkreis, er hatte ein Recht darauf sich so oft und so lange wie es ihm gefiel in dem Park aufzuhalten.
„Was machen sie da eigentlich?”
Der Arbeiter drehte sich um und sah zu seinem Kollegen. Er erinnerte ihn an einen kleinen Jungen der bei einem Streich ertappt wurde und sich nun versuchte herauszureden, indem er sich dumm stellte. Aber das würde er nicht zulassen.
„Sie wissen schon, was ich meine.” Er fuchtelte mit seinem Finger und war sogleich unzufrieden mit seiner offensichtlichen Emotionalität. Der Arbeiter wendete sich wieder ihm zu. Er war ruhig. Souverän. Gleichgültig.
„Eine Sonnenuhr.”
„Und wo soll die hin?” Der Arbeiter zeigt auf die Mitte der Längsseite des Halbkreises. Er versuchte sich vorzustellen, wie die Uhr aussehen würde. Aber er war ratlos. Er wusste nicht, wie eine Sonnenuhr aussah, wie sie funktionierte. Er sah den Arbeiter an, hinter dessen Kopf die Sonne langsam wieder zum Vorschein kam und ihn blendete. Er musste blinzeln.
„Und wie sieht die dann aus?” Der Arbeiter zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung. So ein Halbkreis halt. Wir machen nur das Fundament.”

Als er sich am Abend aufmachte wieder nach Hause zu gehen, knurrte der Hunger bereits wie ein wütender Hund in seinem Magen. Obwohl er den ganzen Tag darüber nachgedacht hatte, wusste er noch immer nicht, ob er sich über die geplante Sonnenuhr ärgern sollte. Er nahm seine Tüte und streckte seine Knie mühsam. Zumindest hatte er die Köder nicht gebraucht – noch nicht.