Düster

Das Licht zog sich zurück. Durch die Wolken sickerte der Regen, legte sich auf die Straßen, die Dächer, die Seelen. Der Reisverschluss seiner Jacke hatte diesen Knick, recht weit oben. Über den Knick hinaus konnte er die Jacke nicht mehr schließen. Deshalb trug er einen Schal, gelb. Die Feuchtigkeit kroch in den Schal hinein, machte ihn klamm und seine Körperwärme flüchtig. Wie er da stand, auf dem Grünstreifen, zwischen den Bäumen, hinter den parkenden Autos der Anwohner, wurde er unsichtbar für seine Umwelt. Ein feuchter blinder Fleck in der Nachbarschaft.

Er beobachtete den Hauseingang am Ende der Straße. Das Haus hatte zwei Eingänge. Der eine direkt vor ihm, der andere um die Ecke, unsichtbar, aber auch nicht wichtig. Denn der den er suchte wohnte im dritten Stock, vor ihm, nicht um die Ecke, vor ihm. Neben der Eingangstür flackerte das Licht hinter der Hausnummer im Rhythmus eines ungehörten Trauermarsches, der beiden galt. Ihm, dem Wartenden und ihm, dem Bewohner. Sie wurden eins durch das Schicksal. Eine endgültige Tat, die in zwei Körpern lebt, bevor die Realität, das Jetzt sie zur Welt bringt und nie mehr ungeschehen machen kann.

Der Unterschied zwischen wertfrei und wertlos, jeder Tag endet, jeder Moment vergeht. Er kannte ihn nur flüchtig, nur oberflächlich. Er wollte ihn auch nicht kennen, er wollte nie von ihm hören, er wünschte sich nichts mehr, als ihn aus seinen Erinnerungen zu verbannen. Aber dafür war es zu spät und es lag auch nicht in seiner Hand. Nicht jetzt, nicht gestern und auch nicht vor Tagen.

Bald würde es dunkel werden und dann würde er nach Hause kommen und dann würde er aus seinem Schatten treten, würde sich lösen, die Bäume hinter sich lassen, den Grünstreifen. Er würde zwischen den parkenden Autos vorbei über die Straße gehen, leise, dabei keinen Ton von sich geben und noch bevor er die Tür aufsperren würde um im Haus zu verschwinden, würde er bei ihm sein und beenden, was niemand begonnen hat. Nichts ändert nichts. Unmöglich, untrennbar. Er und er.