Mehr Schlag als Rat

Freitag Abend, ein Blick in die Augen der Wartenden an den Kassen eines Realsupermarkts im Berliner Stadtteil Wedding kann traurig machen, muss aber nicht. Tut es trotzdem. Zum Glück gibt es für jede Misere in dieser Zeit einen guten Ratschlag wie man sich am eigenen Schopfe wieder herausziehen kann und zum Glück gibt es für jeden Ratschlag ein glänzendes Beispiel des Gelingens.

Zum Glück leben wir in einer Zeit der Selbstoptimierung und der Möglichkeiten, der Freiheit und der Individualität. Jeder kann auf seine Art Scheitern, unglücklich sein oder einfach und ganz klassisch verzweifeln. Die Bilder in den Zeitungen, die Ablenkung, die tägliche Zerstreuung des Nutzergenerierten, der Mitmachmensch, der Teil des Großen wird, durch seine kleine Brillanz, seine Unfertigkeit oder Tapsigkeit oder einfach aus Zufall. Die besten Ideen verdienen das beste Netz, das schleppend über den Grund des Ozeans gezogen wird und nach Inhalt fischt um die eigene gähnende Leere aufzufüllen.

Jeder kämpft auf seine Weise. Vor der Nase baumelt eine Karotte. Die kann so vieles sein. Die Suche nach Liebe, Anerkennung oder Frieden, Sicherheit. Und dafür gibt es keine App. Auch wenn unser Leben komplexer, vernetzter, dynamischer wird. Werden wir das auch? Ist auch nicht so wichtig. Denn der Kampf steht im Mittelpunkt. Und wir helfen uns gegenseitig, mit Ratschlägen und gut gemeinten Tipps, die wir selbst nicht in der Lage sind zu befolgen. Wir vergleichen und sagen, guck, der hat es doch auch geschafft und wir werden forsch und proklamieren, du musst einfach mal und am Ende ist man selbst Schuld, weil man sich nicht selbst oder wie auch immer… Scheiß die Wand an.

Wie einfach alles ist. Da geht man durch das Stahlbad der Individualisierung, das uns eintrichtert, jeder ist anders, habe andere Fähigkeiten, Qualitäten, Ziele, Wünsche, Furunkel und am Ende, wenn es nicht klappt, wenn der Karren vor der Wand steht und schon mal die Bremsen lockert, um mit qualmenden Reifen kavaliersmäßig dagegen zu krachen, dann sind sie da, die Helferlein, die Ratgeber, die Glücklichmachbücher und Anpacker. Herzlich Willkommen. Wem helft ihr, wenn nicht euch selbst? Aber was soll man auch machen, wenn es im Kern so einfach ist? Mach, oder lass es. Als ob es kein dazwischen gibt.

NB: Während ich diesen Text schreibe, trinke ich eine hervorragende Tasse Kaffee, kopiere meine Musiksammlung auf eine Back-Up-Festplatte und drücke mich davor, mit dem letzten Kapitel meines Buches zu beginnen.