Das Gewicht im Verhältnis

Während sie noch versuchte, der Unordnung im Handschuhfach Herr zu werden, verschwand der letzte Streifen Sonne hinter den Bäumen. In ihrem Schoß lag die Dienstwaffe ihres Vaters, eingehüllt in ein weiß rot karriertes Küchentuch, dass sie gerade aus dem Trockner gefischt hatte, als sie nach ihrer schwarzen Jeans suchte.

Noch am Morgen hätte sie ihrer Mutter am liebsten die Hände um den Hals gelegt und so fest zugedrückt, dass ihre stumpfen Augäpfel mit einem Plopp aus den Höhlen gegen die Wand gehüpft wären. Ihre Mutter konnte es nicht lassen, das Leiden, das schmerzvolle Wimmern um ihr beschwertes Leben. Jeden Morgen war es das gleiche. Nachdem ihr Vater längst aus dem Haus war, kam sie in die Küche um ihr morgendliches Müsli zu essen, dazu Kaffee. Ihre Mutter mochte diese gemeinsamen Minuten, bevor sie in der Dusche verschwand um sich für den Tag hübsch zu machen. Sie selbst hasste diese Minuten. Sie verliefen immer nach dem gleichen Prinzip. Sie machte sich ihr Müsli, setzte sich an den Tisch und vergrub den Kopf in die Zeitung in der Hoffnung ihre Mutter würde irgendwann die Zeichen verstehen und ihre Fresse halten.
Tat sie nicht.
Zuerst schlurfte sie langsam zum Tisch, dann beobachtete sie sie von oben.
Dann setzte sie sich.
Dann atmete sie schwer.
Dann seufzte sie, und dann, begann sie zu reden.

Geh zu einem Psychologen, aber lass deine Tochter in Frieden, das dachte sie sich. Aber sie sagte es nie. Bis heute. Da sagte sie etwas, aber es war kein gut gemeinter Rat, es war einfach nur,
“ach halt die Fresse. Dein Gejammer nervt.”

Natürlich tat ihr das irgendwie leid und natürlich machte ihr der stumpfe Ausdruck in den Augen ihrer Mutter Angst. Aber es platzte eben so raus. Der Tag war dadurch auf jeden Fall gegessen. Das Müsli war es nicht. Das ließ sie stehen und machte sich auf den Weg zur Uni. Doch sie ging nicht hin. Sie konnte nicht, denn der Morgen schwang noch nach und sie konnte sich auf nichts anderes konzentrieren. Also ging sie spazieren. Sie ging durch einen kleinen Park und setzte sich schließlich. Im Wasser spiegelten sich die Bürobauten, die das andere Ende des Parks markierten und den kleinen Teich schon früh am Tag vor der Sonne versteckten. Das Wasser war doch eher eine Brühe und von ähnlicher Farbe wie die Farbe der Dienstuniform ihres Vaters. Er wahr ein Soldat, ein ranghoher Wichser. Als sie nach einigen Minuten begann ruhiger zu Atmen und ihre Gedanken ab und an auch andere Themen umkreisten, merkte sie, was ihr an ihrem Verhalten vom Morgen am furchtbarsten erschien. Es war der Ton ihres Vaters der in diesem Moment aus ihr sprach. Ein Ton den sie verabscheute und der ihr in diesem Moment der Erkenntnis den Magen zusammen ziehen ließ.

Ihr Vater war eigentlich kein impulsiver Mensch und auch kein choleriker. Im Gegenteil, sein Wesen war durchdrungen von reguliertem, kalkuliertem und bedachtem Handeln. Wie ihre Mutter sich in diesem Mann verlieben konnte war ihr ein Rätsel. Aber sie hatte sich in ihn verliebt und er war ihr Vater und in Folge dessen war er ihr nahe und – sie mochte ihn. Sie mochte die Kontrolle die er ausstrahlte, die ihm eine Aura der Sicherheit gab. Gerade als Kind mochte sie diese Schutzzone. Wenn sie als kleines Mädchen im Urlaub überwältigt wurde von den Eindrücken des Fremden und Neuen, dann war diese Aura ihres Vaters immer eine Schutzzone in der sie sich frei bewegen konnte und die ihr das Gefühl gab, niemand konnte sie verletzen. Niemand, außer ihrem Vater. Denn das war seine andere Seite und die war wie ein kurzer schriller Ton, der kurz die Harmonie zerriss. Er wusste das und auch das konnte er kalkuliert einsetzen. In Momenten der Schutzlosigkeit, der Schwäche konnte er sich mit diesem plötzlichen Wechsel ins Aggressive und Verletzende aufschwingen zu unangenehmer und chauvinistischer Dominanz. Er war ein berechnendes Arschloch. Und an diesem Morgen war sie auch eins. Ihre Gedanken führten sie zurück zu ihrer Mutter, zu ihrem ständigen beschweren. Ihr Geist war schwer wie Blei, ihre Präsenz zäh wie Pech und ihr Gesicht lahm und tot. Aber das war nicht ihre Schuld, das wurde ich klar, in diesem Moment. Sie war einfach schwach und sie war zart. Was für sie eine Schutzaura war, bedeutete für ihre Mutter ein Gefängnis.

Ihre Mutter hatte ihre Arbeit aufgegeben und sie hatte ihre Hobbys ertränkt und nun, als ihre Tochter alt genug und ihr Mann pensioniert war, war es zu spät reanimiert zu werden. Sie war schon tot und ihr Vater hatte sie umgebracht, denn er hatte dieses Verhalten gefordert. Nicht aktiv, nicht laut.

Langsam wurde ihr kalt. Sie stand auf und schlenderte durch die Straßen der Altstadt. An einem Hotel fiel ihr Blick ins Foyer, wo sie die weißen Haare ihres Vaters schimmern sah. In seinem Arm eine Frau, mit langen glatten Haaren, einem kurzen figurbetontem Kleid. Sie küssten sich.

Dieser Kuss.
Dieser Kuss.
War so leicht auf die Lippen gehaucht.
So zart.

Jetzt saß sie in der Auffahrt zum Haus ihrer Eltern. Ein Tag hatte genügt. Ein Tag, mehr war nicht nötig.Wütend riss sie eine Neoprentasche voller CDs aus dem Handschuhfach und schleuderte sie auf die Rückbank ihres Kleinwagens. Sie wollte nicht, dass die Waffe sichtbar im Wagen lag, wenn sie sich auf den Weg machte. Sie nahm die Pistole und verstaute sie im Handschuhfach. Dabei fiel ihr wieder das Gewicht auf.
Wie schwer sie in der Hand lag.
Viel schwerer als es die Größe vermuten ließ.
Viel schwerer,
als das Leben das sie nehmen sollte.

Sie schloss das Handschuhfach.
Es klickte.
Endlich klickte es.