Über das Vergessen

Die Idee, die nur kurz da war…

Eigentlich ist das Vergessen ein Segen.
Wirklich!
Meistens.

Es ermöglicht uns etwa, bei jeder neuen Legislaturperiode, die Enttäuschungen zu vergessen, die uns unsere bevorzugte Partei in den vergangenen Jahren hat zukommen lassen. Sonst könnten wir nicht wählen. Außer man ist in der Lage, die Dinge im “Kontext” zu sehen. Das ist allerdings ziemlich fortgeschritten und wirklich überaus aufgeklärt. Also wer kann das schon? Oder man geht nicht wählen. Aber wer das macht ist dumm. Zurück zum Vergessen.

Im Moment arbeite ich gerade an einem Exposé zu einem Drehbuch. Die Arbeit ist nicht leicht, um ehrlich zu sein hätte ich mir längst alle Haare ausgerissen wenn ich nicht so eitel wäre. Das Treatment ist so gut wie fertig, jetzt muss eben auch ein Exposé her. Und das ist das Problem.
Es ist nicht einfach.
Seit einer Woche liegt der Text halbfertig vor mir. Die zweite Hälfte ist unschreibbar.
Zumindest für mich.
Nichts funktioniert, nichts stellt meine Ansprüche an den Text zufrieden. Es ist frustrierend. Eine Lösung muss her. Also gehe ich laufen.

Wenn wir nur wollten was wir bräuchten.

Das Laufen ist zumeist ein wunderbarer Katalysator, um Ideen aus dem Hirn zu schälen, die sich bis dato nicht wagten sich zu zeigen. Wenn man beim laufen auch noch Musik hört, dann funktioniert das ganze sogar noch besser. Die Erschöpfung und die Musik blenden alle Geräusche im Denken aus und plötzlich kann man sich konzentrieren, oder ein entscheidender Gedanke taucht einfach auf. Aber Vorsicht, wenn man auf den Gedanken schon länger gewartet hat, lauert eine Gefahr: Glückseligkeit.

Die Idee auf die ich seit einer Woche wartete kam etwa bei der Hälfte der Strecke die ich laufen wollte. Und die Idee war gut, sie fühlte sich wunderbar an. Auf dem nächsten Kilometer durchdachte ich die Auswirkungen und bedachte, was sich daraus ergab und das Ergebnis war noch besser. Plötzlich breitete sich der Text vor mir aus. Alles war klar und mir wurde bewusst, aus welchem Grund der Text bis zu dem Zeitpunkt nicht funktioniert hatte. Die Sätze und Formulierungen schwirrten mir durch den Kopf und zur Krönung hatte ich auch eine Idee, die das Treatment verbessern, schärfen würde.

Das Ganze fühlte sich einfach fantastisch an. Und das gab mir einen Schub. Ich wurde schneller und ein Blick auf meine Uhr zeigte mir, dass die Zeit sehr gut war. Mein Ehrgeiz war geweckt und ich rannte.

Ich rannte.
Ich rannte.
Ich rannte.

Als ich zuhause ankam, war die Zeit fantastisch. So schnell war ich seit über einem Jahr nicht mehr gelaufen. Vollkommen euphorisiert synchronisierte ich die gelaufene Zeit und verglich sie auf dem Rechner mit meinen bereits gelaufenen. Der Schweiß tropfte mir von der Stirn auf den Schreibtisch. Mein Herz pumpte wie wild. In der Küche warf ich eine Magnesium-Tablette in eine Flasche Wasser und trank japsend. Das Gefühl, die gute Zeit und die Erschöpfung taten gut. Seelig stellte ich mich unter die Dusche. Dabei fiel mein Blick auf den Notizblock, der in der Dusche hängt (wasserfeste Notizblöcke… großartig).

Die gute Laune war verschwunden, sie floss dahin, wie das Wasser in den Abguss.
Die Idee war weg.
Weggerannt von der Euphorie. Auch jetzt, nach einigen Stunden des Grübelns, ist mir erst wieder ein kleiner Teil der Idee eingefallen. Und trotzdem, so schlimm ist es nicht. Denn jetzt weiß ich zumindest, dass die Lösung für den Text irgendwo da draußen wartet.

Aber so ist das nun einmal, nur nicht aufhören nach der Lösung zu suchen. Im weiter, weiter, weiter, weiter…

Nur eines darf man auf keinen Fall vergessen. Warum man überhaupt angefangen hat zu suchen.

NB: Während ich diesen Text schreibe, trinke ich eine Flasche Rotwein, in der Hoffnung, dass die weggelaufene Idee bald wieder zurück getorkelt kommt.