Logbucheintrag #6

Wedding, Müllerstraße, bei Kaisers, 8.10.2012

15.57 Uhr
Die Packung Toblerone hat gerade, nachdem ich meinen Einkauf bezahlt hatte und einpacken wollte, mit scharfkantiger Präzision den Aludeckel der Schlagsahne durchstoßen. Während ich nun versuche das Desaster mit einem Papierwischtuch einzudämmen, steht hinter mir ein korpulenter alter Mann mit einer furchtbar überforderten antiken Brille und kramt wurstfingrig in seiner Börse, um die zwei Flaschen Wein und das bisschen Nahrung zu bezahlen, was da vor ihm auf dem Laufband steht. Die Schlange hinter ihm ist lang, das Laufband ist voll. Direkt hinter ihm steht ein junger gepflegter Mann, der gedankenverloren vor sich hin starrt. Dahinter ein Punk. Er trägt einen St.Pauli Hoodie, darüber eine abgewetzte Lederjacke. Sein zerschundener Kopf endet unwiderruflich mit einer Basecap von Agnostic Front. Dahinter steht eine Hausfrau, etc. pp.

Die charmante hübsche Kassiererin lächelt den alten Mann geduldig aus ihren jungen Augen an und fragt, ob er denn seinen Kassenzettel haben möchte. Der Mann hält fast erleichtert inne, sieht sie an und erwidert ihr lächeln:
“Ja, gerne. Ick sammel die nämlich.”
Bevor der Alter erklären kann, warum er das tut, beugt sich der Punk ungeduldig aus der Schlange und ranzt nach vorne:
“Halt die Frau nich auf, dit jeht hier weiter!”

Ich geh nochmal in den Supermarkt, um mir einen neuen Becher Schlagsahne zu holen. Als ich den Supermarkt verlasse, folgt hinter mir der Punk. In der Hand hält er seinen Einkauf: eine Flasche Bier, Oettinger. Auf der Müllerstraße setzt er sich zu seinen schnorrenden Kumpels vor den Supermarkteingang. Ich geh weiter, Kuchen backen.