Logbucheintrag #5

Zwischen Leipzig und Berlin, ICE Bordrestaurant, 5.08.2012

21.53 Uhr
Er sitzt im Bordrestaurant und redet, mit sich selbst. Er hat tief liegende Augen, die Falten ziehen sich entlang der Wangen durch die leicht gerötete Haut. Die Haare sind unfrisiert, aber zu kurz um unordentlich zu sein. Er tankt Bier. Seine Statur ist mager, sein Hemd flattert viel zu weit über dem schmalen Brustkorb. Es könnte ihm bei einem geschätzten Sturz aus fünfzig Metern das Leben retten. Seine Stimme ist zu laut, hastig, unfreundlich und an sich selbst gerichtet. Selbstgespräche sind okay, wenn man nett zum Gesprächspartner ist. Er kommentiert Gespräche die um ihn herum geführt werden. Vielleicht sucht er ein Gespräch, aber er findet es nicht. Er wirkt nur bedrohlich und verhindert nachhaltig jeden Kontakt. Der Schaffner beobachtet ihn aus dem Augenwinkel, nervös. Vom Bord-Bistro her tönt aus hysterischen Tefefonböxchen eines hormonverwirrten Schwachkopfs mit narzisstischer Störung Westerland von den Ärzten. Vor mir wird der große Gartensalat Vita warm. Guten Appetit.