Verspätung

„Magst du mir einen Brief schreiben?“
Es war als hätte die Kälte der Zeit einen Sprung verpasst, als würden die Sekundenzeiger rennen, damit ihnen nicht kalt wurde. Jetzt, in diesem Moment, wurden fünf Minuten zu Eis. Der Wind vertrieb jedes Geräusch und die Stille, die sich einstellte, rief jedes Kratzen und Pfeifen zur Ordnung, damit es einstimmte in die Symphonie des peinlich bedrückten Zögerns seiner vierzehnjährigen Tochter.
„Ich würde mich über einen Brief von dir freuen.“
Sie saß wie allein auf der Bank und starrte auf den Kiosk am Bahngleis gegenüber. Der Laden war geschlossen, über der Tür zitterte eine einsame verblichene Langnese-Fahne. Er hielt Abstand, obwohl er sah, dass sie zitterte. Er wusste nicht, ob es ihr recht wäre, würde er sie in den Arm nehmen. Er wusste nicht, ob es ihr nicht lieber wäre zu frieren.
„Hast du eine E-Mail-Adresse?“
„Ich würde mich über einen richtigen Brief mehr freuen, so von Hand.“
Er lehnte sich zurück, versuchte der eisigen Luft etwas erfrischendes abzugewinnen. Der zähen Stille etwas friedliches. Den Erwartungen etwas hoffnungsvolles.
„Aber klar, hab ich eine E-Mail-Adresse. Natürlich.“
Er sah sie von der Seite an, die dunklen, fast schwarzen Haare ihrer Mutter, mit dem störrischen Pony, der über ihre Nasenspitze strich, wenn sie wie jetzt die Beschaffenheit des Bodens unter ihren Schuhen begutachtete. Die ruhigen dunklen Augen, die seine waren, aber für ihn so undurchsichtig wie Stein. 
„Wie geht’s Mama?“
„Wenn du mir deine E-Mail-Adresse gibst, dann kann ich dir ja schreiben.“
Liebevoll strich er ihr mit den Fingern durchs Haar, wie sie es als kleines Kind mochte, wenn man ihr mit den Fingerspitzen die Kopfhaut kraulte. Jetzt schien es, als versuchte sie zu schrumpfen, um sich ohne Bewegung aus seiner Berührung zu befreien.
„Du kannst mich ja auch bei Facebook adden.“
„Mail ist schon okay.“
Als der Zug endlich in den Bahnhof einfuhr, war er erleichtert. Sie schenkte ihm ein kurzes verspanntes Lächeln und verschwand. Als der Zug endlich den Bahnhof verlassen hatte, wurde sein Herz schwer, wie Stein.