Satzverlust

Sie war hibbelig. 
Hibbelig, hibbelig, hibbelig. 
Das ganze Gequatsche, von du weißt was du kannst, du musst ruhig bleiben, bla bla. 
Sie war hibbelig. Und was war schon dabei, hibbelig zu sein? 
Hibbelig. 

Ihre zarten Füße trommelten im Rythmus ihres Synapsentangos auf den Kunststoffbelag. Der rechte Turnschhuh drückte auf den Spann. Das war nicht gut, das wusste sie. Wahrscheinlich hatte die Zunge beim binden einen Knick bekommen, der jetzt durch den Druck der Schnürung auf dem Knochen rubbelte. Und eben drückte. 
Das wusste sie. 
Und sie wusste, dass es besser war, sich ruhig nach vorne zu beugen, tief einzuatmen, den Schuh zu öffnen und gewissenhaft neu zu binden, die automatisierte Handlung dieser Kleinigkeit zu nutzen, um für etwas Ruhe, etwas Stille in ihrem Körper Platz zu schaffen. 
Das wusste sie. 
Und sie wusste auch, dass es bei dieser Gelegenheit besser und ratsam war, den anderen Schuh ebenfalls zu öffnen. Ebenfalls die Schnürsenkel aufzuziehen und neu zu binden, neu, gut. 
Ruhe. 
Das wusste sie. 
Sie nahm einen tiefen Schluck von dem isotonischen Getränk aus der geschmacksneutralen Plastikflasche die neben ihrem Stuhl auf dem Boden stand, richtete sich auf, lockerte ihre Schultern und dehnte die Rückenmuskulatur. Dann ging sie zurück auf den Platz, um das Re-Break zu verfehlen und ihr zweites Aufsatzspiel in Folge abzugeben. Das sollte so nicht sein. Ihr war heiß und ihr Gesicht fühlte sich, vom ständigen Schweiß abwischen nach jedem Ballwechsel, rau und wund an. Wobei sie sich die ganze Zeit fragte, ob es nicht besser wäre, die Handtücher würden mit einem geruchsneutralen Weichspüler gewaschen werden. Das wurden sie offensichtlich nicht. Sie dufteten. Sie dufteten eindeutig nach Frühling, nach Seife, nach Chemie. Sie sollten geruchsneutral sein. Sie sollten nicht eindringen in die Gedanken und das taten sie. Ihr Brustkorb blähte sich auf. Den folgenden Seufzer versteckte sie jedoch in der chemisch behandelten Frühlingswiese, warf diese dem Ballmädchen zu und ging zu ihrem Platz. 

Wieder auf dem Stuhl, ließ sie ihren Blick über die Zuschauer schweifen. Gegenüber saß ihr Trainer. Als er ihren Blick einfing, lächelte er ihr zu, nickte kurz. Dann klatschte er heftig, wobei er etwas sagte, das sie an seinen Lippen nicht ablesen konnte. 
Das verstand sie nicht. 
Lächeln, 
nicken. 
Lächeln, hieß vermutlich, ist nicht so schlimm wenn du verlierst und nicken, 
nicken hieß, ich hab es ja gewusst. 
Das Klatschen konnte er sich sparen und wenn er ihr etwas zu sagen gehabt hätte, wäre es wahrscheinlich, sei nicht so hibbelig, gewesen. Wütend nahm sie ihren Schläger und knallte ihn auf den Boden. Unter den Zuschauern wurde es kurz still, eh ein Raunen durch die Tribünen strich. Sie nahm einen neuen Schläger aus ihrer Tasche, streifte die Plastikfolie ab und prüfte die Seitenspannung indem sie mit dem Handballen dagegen schlug. Time, kam die Aufforderung des Schiedsrichters. Mit dem neuen Schläger als Schutzpatron ging sie zurück auf den Platz, hibbelig und wütend. Und das, sollte ihre Gegnerin auch zu spüren bekommen. Zumindest gelang ihr ein Break, bevor sie bei eigenem Aufschlag den Satz abgab. 

Auf dem Weg zu ihrem Platz gab ihr das Ballmädchen das Handtuch. Sie wischte den Schweiß von ihren Armen, der Stirn und dem Gesicht. 
Frühling, so ein Scheiß.