Mach es nicht fertig! Ein Plädoyer fürs Aufhören.

Ein Buch verspricht Erfolg wenn es gute Tipps gibt, wie man seinen eigenen Schweinehund überwindet, wie man Dinge geregelt bekommt, wie man der furchtbaren Prokrastination den Genickschuss verpasst, den sie verdient. Aber warum? Ein Plädoyer fürs Aufhören.

Man muss nicht gerade kreativ oder ein Künstler sein, um mit dem Phänomen des Nicht Heute oder Mach ich später vertraut zu sein. Wir, zumindest die meisten, schieben einen Haufen unfertiger Projekte, Ideen, Konzepte vor sich her, wie eine stabile Schaufel den Schnee im Winter. Das ist nicht gut, denkt man. Man könnte so viel schaffen, wenn man den Tag nur besser strukturiert, wenn man sich zuerst um die wichtigen Dinge kümmert, Prioritäten setzt etc., das To-Do-Programm, das man sich extra heruntergeladen hat, mal so richtig benutzt. Nieder mir der Prokrastination! Das ist die Devise. Aber ist die gut?

Was, wenn Prokrastionation eine natürliche Schutzfunktion einer Spezies ist, die nicht vollends im Überfluss der eigenen Inhaltsproduktion ersaufen will? Was, wenn wir die Prokrastination brauchen, nicht als Individuum, da kann sie furchtbar sein, aber als Spezies, als Menschheit? Wenn man dem Konzept der morphischen Felder glauben mag, dann sind alle Spezies untereinander verbunden über eine Art Speicher, eben diesem morphischen Feld, das Gewohnheiten, Erfahrungen und ähnliches für alle zugänglich macht. Klingt ein bisschen esoterisch, aber was soll’s? Was wenn nun die Prokrastination nichts weiteres ist, als eine Anti-Buffer-Overflow-Schutzfunktion, die dem einzelnen ins Ohr flüstert: “Lass es sein, es gibt schon so viel Scheiß.”

Anders betrachtet, was wenn wir alle – gemäß dem Fall die Ratgeber funktionieren und das müssen sie ja auch, denn sie sind so verdammt gut, fundiert und auch als Taschenbuch erhältlich – unsere Hemmschwellen überwinden und nur noch arbeiten, umsetzen, schaffen? Der Gedanke ist kaum auszuhalten, unmöglich dieser Flut an großartigem, weltbewegenden, schnöden, überschätzten Zeug Herr zu werden. Wie auch? Mehr ist auch nicht besser, nur eben mehr. Das sieht für den einzelnen auf Selbstverwirklichung und Ruhm hoffenden vielleicht anders aus, für die Gesamtheit eben nicht. Wenn man seinen inneren Schweinehund nicht überwindet und das Meisterwerk für immer in der Schublade bleibt, dann ist das vielleicht auch besser für den Rest der Truppe. 

Leider führt das auch dazu, dass die Individualproduktion zurück geht und die der effizienten Blödmaschinen weiter wie geschmiert auf Hochtouren läuft. Die sind nämlich leider an kein Feld angeschlossen, sondern an ein Bankkonto. Das verändert natürlich das Verhältnis von Schund zu, naja, subjektiv empfundenem Nicht-Schund, aber das ist ein anderes Thema…