Blätterwald

Die Blätter schrieben schon seit Wochen ihre geheimen Botschaften auf die Straßen der Stadt. Die Menschen konnten sie sehen, nicht lesen. Die Blinden hörten nur das Rascheln unter ihren Sohlen, das Rascheln, das gleichermaßen das Wort zerstörte, die Schrift verwischte. Die Botschaft war unerhört und blieb verborgen. Selbst die Bäume wussten nichts von der Bewegung. 
Niemand wusste es.
Auch die Blätter hatten keinen Blick für das große Ganze. Das Einzelne war nichts wert, da die Idee, die Verlautbarung ein Werk aller Blätter war. Das einzelne kannte den Buchstaben, das einzelne kannte die Silbe, wenn es sich die Mühe machte zu sehen, zu erkennen, was links und rechts geschah. Aber niemand konnte das ganze sehen. Obwohl das nicht stimmt. Denn sehen konnte es jeder, nur nicht wissen. Das Wissen war nicht weit verbreitet dieser Tage. Das Wissen war einsam und verlassen. Das Wissen war allein. Aber auch hochmütig und eitel. Denn das Wissen wusste um seine Situation. Das Wissen wusste um seine Einsamkeit und das Wissen wusste was zu tun sei.
Doch es tat nichts.
Es blieb still.
Es blieb einsam.
Und es blieb so eine lange, lange Zeit.

Was nicht so blieb war die Unwissenheit, denn die verwandelte sich vom hässlichen Makel, zur verschleierten Schönheit, die sich zu zeigen wusste. 
Sie entwickelte sich.
Ein Schmetterling. 
Schön, 
aber nur auf den ersten Blick. Der erste Blick war mächtig. Sehr mächtig. Von allen Blicken war er der wichtigste. Seinem Eindruck beugte sich jeder, zumindest jeder dessen Stimme laut, unerschrocken und erfüllt von Recht war.

Als Norbert nun trotzdem – was ihn wirklich überraschte und für eine gewisse Zeit sogar sprachlos machte, gerade seine Nachbarn litten darunter, da er nur mit ihnen durch die Wohnungstür kommunizierte, durch das Holz hindurch, manchmal auch nur flüsternd, denn er war schüchtern und nun, sprachlos, das machte das kommunizieren richtig schwer, gerade wegen des Holzes, aber das war Norbert egal, denn er war überrascht, denn mit nichts anderem als einer Absage hätte er gerechnet, aber gerade die Absage konnte er sich nun abschreiben, auch wenn sie ihm, so ehrlich musste er dann schon sein, vielleicht lieber gewesen wäre, doch das alles spielte keine Rolle, denn in seinen Händen hielt er keine Absage, sondern,
das Gegenteil – ein Zusage, 
eine Einladung erhalten hatte.
Eine Einladung zu Sandra Maischbergers Talkshow Menschen bei Maischberger, Thema: Warum sind wir so wütend? Und Norbert war wütend, er hatte sich schon bei der vorletzten Sendung unheimlich aufgeregt. So unheimlich, dass es ihm vor sich selbst gruselte. Die letzte Sendung ließ ihm dann keine andere Wahl und er leitete die Schritte ein, die ihn nun in die Sendung führen sollten. Aber eigentlich hatte er darauf gar keine Lust.