Meldepflicht.

Die Bahn hat die Haltestelle gerade verlassen, als er die letzten Stufen der Treppen hinaufstürzt. Er kann sich aber nicht ausgiebig ärgern und dem Zug nachsehen, da der heiße Kaffee, der über seine Hand läuft ein neues Fass aufmacht. Ein schmerzvolles, zweiseitiges:

  1. Er hat es vorher gewusst, als er noch schnell in den Backshop schlüpfte um sich einen Kaffee zu kaufen. Mehr aus Zwang, weniger aus Lust. Das es mit der Bahn knapp werden würde war klar, war klar wie die Schlange aus drei Leuten vor ihm, beschäftigt mit der Frage welcher Brötchentyp sie waren.

  2. Weniger verkopft, nur der Schmerz, weil der Plastedeckel auf dem Pappbecher nicht treppenrennfähig ist.

Wütend feuert er den vollen Becher in den Mülleimer am Bahnsteig. Auf der Anzeige blinkt eine fiese Neun.
Neun Minuten bis zum nächsten Zug.
Er wird zu spät kommen. Viel zu spät.
Er war schon zu spät losgelaufen.
Er sieht auf seine Uhr.
Er sieht wieder auf seine Uhr weil er beim ersten mal nicht richtig hingesehen hat.
Er denkt darüber nach wann er verabredet ist, weshalb er noch mal auf die Uhr sieht, weil er die Uhrzeit zwar nicht vergessen hat, aber es auch niemanden interessiert wie oft er noch auf seine Uhr sehen wird. Er steht allein am Bahnsteig. 
Acht Minuten. Ihm ist kalt. Es war keine gute Idee sich doch noch schnell zu duschen. Er hatte keine Zeit mehr seine Haare zu trocknen, weshalb er sie unter einer Mütze versteckt. Trotzdem kriecht ihm das Zittern ins Hirn und die Lust wieder um zu drehen, nach Hause zu gehen wird stärker und stärker als der Drang wieder auf die Uhr zu sehen.

Der Zug fährt ein, er setzt sich ans Fenster. Er wird noch mindestens eine halbe Stunde brauchen, allerdings ist er schon in zehn Minuten verabredet. Umständlich fummelt er sein Telefon aus der Tasche und beginnt eine SMS zu tippen. “Hab die Bahn verpasst, komme etwas später.”
Etwas später wird wieder gelöscht.
… komme 20 Minuten später.“
20 wird gelöscht. Er sieht aus dem Fenster und vergleicht den Regen draußen mit der Zeit auf seiner U-Bahn. In Verbindung mit den noch zurück zu legenden Stationen ergibt das den Wunsch wieder im Bett zu liegen.
… komme 10 Minuten später.”
Das sind dann 10 vorhergesagte Minuten und 10 on top. Das ist in Ordnung. Das passt zum Bild. Nur ist es dafür nicht schon zu spät?
Er löscht die SMS und lehnt sich zurück. Seine Kopfhaut juckt und ihm fällt auf, dass er der einzige in der Bahn ist, der eine Mütze trägt. Ist auch kein Wunder, weil es eigentlich noch nicht so kalt ist. Aber was fällt mehr auf, wenn er die Mütze aufbehält oder wenn er sie jetzt abnimmt.

Er kommt an,
steigt aus,
hält kurz inne
und geht dann auf den anderen Bahnsteig. Der Zug zurück fährt gerade ein. In seinem Abteil sitzt ein Mädchen. Es trägt auch eine Mütze, rosa. Daneben sitzt ihre übergewichtige Mutter die sich am Telefon darüber beschwert, dass der Lockenstab den sie bei Saturn kaufen wollte ausverkauft war. Er lächelt das Mädchen an und das Mädchen lächelt nicht zurück. Macht nichts, denkt er sich, gibt schlimmeres.